Bild von Götz Werner

Freiheit heißt, Verantwortung zu übernehmen

Dieser Kommentar von Prof. Götz W. Werner – ehemaliges Mitglied des MMM-Präsidiums – zur Griechenlandkrise wurde am 8. Juli 2015 in gekürzter Form im Handelsblatt und am 15. Juli 2015 auf der Homepage von „Unternimm die Zukunft“ (www.unternimm-die-zukunft.de) veröffentlicht:

„Der eine fragt: Was kommt danach? Der andre fragt nur: Ist es recht? Und also unterscheidet sich der Freie von dem Knecht.“ Dieser Ausspruch von Theodor Storm ist in der Unternehmenszentrale von dm-drogerie markt in den Besprechungsräumen zu lesen. Er soll darauf aufmerksam machen, dass sich im Idealfall möglichst viele Kollegen jeden Tag aufs Neue fragen: Bin ich der Freie? Die Sätze sollen ein Bewusstsein dafür befördern, dass jeder Mensch für die Folgen seiner Handlungen verantwortlich ist.

Als Unternehmer habe ich mich bei der Gestaltung der Rahmenbedingungen der dm-Arbeitsgemeinschaft oft gefragt: Begünstigen die Verhältnisse, dass die Menschen selbst erkennen, worauf es jeweils ankommt? Und das ist auf unser gesamtes Zusammenleben übertragbar: Bringen sich die Menschen als Freie ein, die den Anspruch haben, die Folgen ihrer Taten selbst zu bedenken und selbst verantworten zu wollen? Freie, die sich selbst bewusst werden, was sie wollen? Freie, die aus diesem Bewusstsein heraus zu einer selbstgewählten Gemeinschaft finden, in der sie sich zusammen weiterentwickeln?

Der bekannte Psychoanalytiker Viktor Frankl soll bei einem Gespräch mit Gefängnisinsassen gesagt haben: „Wenn ihr herauskommt seid ihr frei, um Verantwortung zu übernehmen.“ Das ist ein sehr zutreffendes Bild, um zu veranschaulichen, was Freiheit bedeutet: Man ist nicht frei, wenn die Gitter fehlen, sondern wenn Verantwortung übernommen wird. In diesem Sinne kann Freiheit nicht gegeben werden, sondern definiert sich von innen aktiv, nicht passiv anhand äußerer Bedingungen. Keine fremdbestimmte, gewährte, temporäre Freiheit, sondern selbstbestimmte, umfassende Freiheit. Für den Holocaust-Überlebenden Frankl hat der Mensch einen „Willen zum Sinn“, er will den Sinn des Lebens begreifen und das Leben aktiv mitgestalten, was Frankl selbst in ausweglosen Situationen für möglich hält.

Die Frage nach dem Sinn hat eine ungeheure Sogwirkung. Wenn wir nach dem Warum und Wozu fragen, wird vieles klarer. Wenn wir den Dingen mit einer solchen Fragehaltung begegnen, verändert sich die Ausrichtung. Es entsteht ein anderes Bewusstsein und wir müssen uns über die Ziele klar werden. Wir müssen darüber sprechen, wie wir uns die Zukunft vorstellen, wie wir sie antizipieren können.

Bemühe ich mich, einen Beitrag zu leisten, der anderen Menschen und der Welt Entwicklungsmöglichkeiten eröffnet? Habe ich nur meine persönliche Entwicklung im Blick oder denke ich auch an die Folgen meiner Handlungen für mein Umfeld? Das sind höchst spannende Fragen für die Gestaltung unseres Zusammenlebens. Dabei beginnt oder scheitert alles im Denken. Denn was ich nicht denken kann, kann ich auch nicht wollen und was ich nicht will, kann ich nicht tun. Wenn Menschen etwas tun, was sie nicht gedacht haben, führt das zu Fehlern, zu Krisen und zu menschlichem Leid. Schauen Sie nur in diese Zeitung! Schauen Sie auf die Finanzmärkte und jeder kann erkennen, wohin es führt, wenn Menschen etwas wollen, was sie nicht denken können. Wir haben ein undurchdringliches Gewirr autonom gewordener Finanzmechanismen geschaffen. Und das hat schwerwiegende Folgen, denn was wir nicht verstehen, können wir nicht gestalten – wir hängen bildlich am Schweif des Pferdes, anstatt im Sattel zu sitzen und die Zügel in der Hand zu haben. Und wie gelingt es uns die „Geister, die wir riefen“ wieder los zu werden? Indem wir uns fragen, was das Wesentliche ist. Es ist die Gretchenfrage unserer Gesellschaft: Ist der Mensch Mittel oder Zweck?

In der Diskussion um die Herausforderungen für Griechenland und Europa müssen wir uns klar machen: Es geht immer um die Menschen, ohne sie wäre alles sinnlos. Geld hat nur eine dienende Funktion. Wird es zum Zweck erhoben, entsteht menschliches Leid! Die Menschen sind der Zweck allen Wirtschaftens, aller politischen Bestrebungen, aller Gesetze, Pläne und Ideen.

Wenn die Menschen das erleben, werden sie sich ihrer Verantwortung bewusst und sind bereit sich mit ihren Talenten und Fähigkeiten einzubringen, eigenständig Aufgaben zu ergreifen und Probleme zu lösen. So treffend wie kein anderer formulierte das Johann Wolfgang von Goethe in seinem Faust: „Das ist der Weisheit letzter Schluss: Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben, der täglich sie erobern muss.“

Fotonachweis Prof. Götz W. Werner: Alex Stiebritz

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