Konsumgüterwirtschaft & Corona: Der Chancen-Turbo

Von Prof. Dr. Bastian Halecker

Jeder, sowohl Konsumenten als auch Unternehmen, fragt sich in Zeiten der Corona-Krise gerade: „Wann wird es enden?” Die Frage müsste aber vielmehr lauten: „Wie machen wir weiter?” Denn jetzt ist der richtige Moment für neugieriges Nachdenken über zukünftige Chancen. Jedes Unternehmen sollte hierzu sein eigenes Post-Corona-Playbook entwickeln. Dafür müssen aus den teils radikalen Veränderungen im Konsumentenverhalten und aus den neu entstehenden Rahmenbedingungen konkrete Handlungsoptionen abgeleitet werden.

In der Schnittstelle zwischen der Corporate- und Startup-Welt gibt es derzeit drei Themen, die sich in der Corona-Krise besonders verändern und damit neue Chancen für etablierte FMCG-Player schaffen:

Direct-to-Consumer gewinnt (wieder!) an Bedeutung

Direct-to-Consumer (D2C)-Marken sorgen seit einigen Jahren für Furore. Diese Marken umgehen Standardvertriebskanäle, indem sie eigene integrierte Wege von der Produktion zum Verbraucher aufbauen. Viele Produktbereiche sind bereit adressiert – von Matratzen über Rasierklingen bis zur Windel.

Trotz einiger Erfolge wie Foodspring (für eine Bewertung von über 250 Millionen Euro von Mars übernommen) und Hellofresh (zwischenzeitlich an der Börse höher bewertet als die Lufthansa), war die Akzeptanz der Verbraucher von D2C-Marken im deutschen Lebensmittelbereich noch ausbaufähig.

Die globale Corona Pandemie ändert das. Verbraucher verlagern einen größeren Teil ihrer Ausgaben auf Online-Bezugsquellen. Mit steigender Online-Nachfrage bei gleichzeitig sinkenden Kundenakquisitionskosten werden D2C-Aktivitäten aktuell wieder interessant. Einige etablierte Unternehmen aus der Lebensmittelindustrie nutzen diesen Kanal, auch schon vor Corona. Nicht um per se Masse zu machen, sondern um kurzfristig einen neuen Vertriebskanal aufzubauen, der mittelfristig als Experimentierfeld und langfristig als signifikantes Neugeschäft ausgebaut werden kann.

Retail 2.0 – wie Kaufleute Technologien nutzen können

Gerade in den letzten teilweise sehr turbulenten Wochen war auf den Lebensmitteleinzelhandel Verlass. Der stationäre LEH wird auch trotz des D2C- und E-Commerce-Booms weiter eine zentrale Rolle bei der Versorgung mit Lebensmittel spielen. Allerdings kommen durch die jetzt entstehende „Low Touch Economy“ viele neue Anforderungen auf ihn zu, die es pragmatisch zu lösen gilt.

Erhöhte Hygiene-Standards werden neue Verpackungslösungen hervorbringen (weniger Natur – mehr Sicherheit) sowie gänzlich neue Tracking- und Überwachsungstechnologien etablieren (Temperaturmessung am Eingang, Erfassung der Besucherströme etc.). Zusätzlich bieten individuelle (kontaktfreie) Lieferservices oder Drop-Off Lösungen enorme Chancen.

Insbesondere Risikogruppen benötigen neue Versorgungslösungen zum unbedenklichen Einkauf. Diese Chance muss der LEH nutzen, sonst wandern diese sonst treuen Offline-Kunden ins Online-Geschäft ab. Eine Retail 2.0-Lösung kann aus der Kombination existierender App-Lösungen mit den bereits vorhandenen lokalen Lieferangeboten bestehen. Damit können die Kaufleute in der Fläche digital einen weiteren Schritt nach vorn machen und neue Kundengruppen online erreichen sowie offline beliefern.

Corporate-Startup-Partnerschaften – neue Möglichkeiten

Massenkündigungen bei smunch, Job-Abbau bei yelp und eine geplatzte
Finanzierungsrunde bei Tausendkind. COVID-19 hat unmittelbar Auswirkungen auf die Startup-Welt. Das schwieriger werdende Marktumfeld führt zu einer nachlassenden Dynamik – vor allem mit Blick auf die Anzahl an Finanzierungsrunden. Viele Startups stehen mit dem Rücken zur Wand.

Corona schafft damit neue Chancen in der Zusammenarbeit zwischen Startups und etablierten Unternehmen. Vorher oft als Wunschpartner für einen Exit betrachtet, können sich FMCG-Player nun verstärkt als verlässliche Partner ins Spiel bringen und aktiv Startups unter die Arme greifen. Das muss nicht zwingend mit finanziellen Mitteln sein, auch Zugänge, Kapazitäten u.a. sind im Rahmen einer Partnerschaft wichtiger denn je. Etablierte Unternehmen können damit, deutlich einfacher als vor der Krise, von innovativen Produkten, Technologie und Talenten (Kompetenzen) profitieren. Aus Corporate Sicht sind es genau diese Punkte auf die es nach der Krise mehr denn je ankommen wird. Denn die digitale Transformation wird weiter stattfinden, aber selten wird es zeitgleich wieder so viele Chancen geben.

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Prof. Dr. Bastian Halecker

Prof. Dr. Bastian Halecker ist Founding Partner der Food Innovationsplattform Hungry Ventures und Professor für BWL und Entrepreneurship an der Beuth Hochschule in Berlin. Als leidenschaftlicher Unternehmer & Connector ist er neben eigenen Gründungen (u.a. Startup Tour Berlin) auch bei verschiedenen Startups als Business Angel aktiv (Fokus Food & FoodTech). Kontakt: bastian.halecker@hungry-ventures.com
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